Zwölf Minuten. So lange hat Codex gebraucht, um in DaVinci Resolve ein Video zu schneiden. Claude brauchte für dasselbe Projekt eine Stunde und zwanzig Minuten. Seit dem 8. September können KI-Assistenten direkt in einem Resolve-Projekt arbeiten. Kurz darauf schrieb auf X ein Nutzer, der sich als Cutter mit 14 Jahren Berufserfahrung vorstellt, sein Können sei jetzt wohl nichts mehr wert.
Anlass für seinen Beitrag war ein anderes Modell: GPT-6 Astra von OpenAI. Nach seiner Darstellung hat Astra 84 Clips gesichtet, geschnitten, mit Musik unterlegt und untertitelt, ohne dass ein Mensch eingreifen musste. Bis zum 15. September wurde der Beitrag 243.000-mal aufgerufen. Eine unabhängige Bestätigung für diese Angaben habe ich nicht gefunden. Belegen lässt sich etwas anderes: Blackmagic Design, der Hersteller von DaVinci Resolve, hat Version 21.1 veröffentlicht und darin eine Schnittstelle für KI-Assistenten eingebaut. Sie steht nur in der kostenpflichtigen Version DaVinci Resolve Studio zur Verfügung. Die eingangs genannten zwölf Minuten und die eine Stunde zwanzig stammen nicht aus dem Beitrag über Astra, sondern aus einem Test des russischsprachigen Blogs FIRENIKO. Dessen Autor hat Codex und Claude dieselbe Aufgabe gestellt. Es handelt sich um einen einzelnen Test, weitere belastbare Messungen habe ich nicht gefunden. Wer als Freelancer Videos für Kunden schneidet, muss am Ende zwei Dinge gegeneinander abwägen: die eigenen Stunden für den Rohschnitt und den Preis für Resolve Studio, in Deutschland 305 Euro.
Mein erster Gedanke galt den Stunden. Eine Stunde und zwanzig Minuten stören mich nicht, wenn die KI in dieser Zeit auf einem zweiten Rechner schneidet und ich spazieren gehe oder an einem Text schreibe. Entscheidend ist, wie viele Stunden Sie selbst sparen, nicht wie lange der Assistent braucht.
Wie sich DaVinci Resolve für KI-Assistenten öffnet
Die Schnittstelle heißt MCP. Das ist ein offener Standard, über den ein KI-Assistent einem Programm Befehle schickt und Daten daraus abruft. Bisher brauchte man dafür Zusatzprogramme von Drittanbietern, jetzt ist die Schnittstelle fest in Resolve eingebaut. Unterstützt werden Claude und Claude Code von Anthropic sowie Codex von OpenAI. Eingerichtet wird das Ganze unter „File > Setup AI Assistants“.
Laut Digital Production, einem Fachmagazin für Videoproduktion, kann der Assistent auf 88 Werkzeuge zugreifen. Sie decken das Projekt, die Timeline, den Media Pool mit dem Rohmaterial, die Farbkorrektur, den Ton und die Render-Warteschlange ab. In der Ankündigung nennt Blackmagic selbst ein Beispiel: Aus einer langen Aufnahme soll der Assistent einen dreiminütigen Zusammenschnitt der besten Momente erstellen, alle Clips unter einer Sekunde entfernen und das Ergebnis zur Abnahme exportieren. Beim Lesen dachte ich: Das ist Alltag für alle, die für Kunden Webinare zu kurzen Clips verarbeiten.
Was die KI sieht und was nicht
Stellen Sie sich einen Schnittassistenten aus Fleisch und Blut vor, der vom gesamten Drehmaterial nur die Liste der Takes bekommen hat. Er weiß, welcher Take wo liegt, wie lang er ist und wo der rote Marker sitzt. Das Material selbst hat er nie gesehen. Genau so arbeitet die KI über die eingebaute Schnittstelle: Sie erhält Projektdaten wie Clips, Timecodes, Marker und Einstellungen, aber kein einziges Bild. Im Test, um den es weiter unten geht, hat Claude zwar Einzelbilder aus dem Rohmaterial ausgewertet und dafür einen Teil der Zeit gebraucht. Diese Bilder holte er sich aber nicht über die Schnittstelle, sondern auf anderem Weg.
Und Astra, das Modell aus dem Beitrag auf X? Es kann Screenshots auswerten, verarbeitet Videodateien aber nicht direkt: Es bekommt sie als Einzelbilder mit Zeitstempeln. Wie genau Astra die 84 Clips „gesichtet“ hat, verrät der Beitrag nicht. Dem Cutter mit 14 Jahren Erfahrung würde ich sagen: Unheimlich wird es erst, wenn der Assistent in Resolve den besten Take danach auswählt, wie gut der Darsteller spielt. Bis dahin entscheidet die KI anhand der Liste.
Zwölf Minuten gegen eine Stunde zwanzig: Wer liegt vorn?
Im Test von FIRENIKO sollten beide Assistenten aus Clips und Fotos dasselbe Video schneiden. Codex war nach zehn bis zwölf Minuten fertig. Er hat die Clips ohne zusätzliche Spuren einfach aneinandergereiht. Die Titel hat er vorab in einem anderen Programm gestaltet und fertig in den Schnitt übernommen. Das geht schnell und ist übersichtlich. In Resolve nachbessern lässt sich so ein Schnitt aber nicht mehr, man muss ihn komplett neu anlegen.
Claude hat eine Stunde und zwanzig Minuten gebraucht. Dafür lässt sich sein Projekt von Hand weiterbearbeiten: Er hat Übergänge und einen Vierfach-Splitscreen angelegt, und beides kann man nachträglich ändern. Seine Effektketten sind jedoch so verschachtelt, dass man sich später kaum darin zurechtfindet.
Welcher der beiden besser passt, hängt von einer einzigen Frage ab: Kommt der Kunde mit Änderungswünschen? Kleiner Spoiler: Er kommt.
Was es kostet, den Rohschnitt an die KI abzugeben
DaVinci Resolve Studio kostet in den USA 295 US-Dollar, und zwar einmalig. Auf seiner deutschen Website nennt Blackmagic 305 Euro inklusive Mehrwertsteuer als unverbindliche Preisempfehlung, im Handel ist die Lizenz teils etwas günstiger. Ein Abo gibt es für Studio nicht, Updates sind kostenlos, und ein Lizenzschlüssel lässt sich auf zwei Rechnern gleichzeitig aktivieren. Dazu kommt das Abo für den Assistenten selbst, also Claude oder ChatGPT. Das zahlen Sie wahrscheinlich ohnehin schon.
Ich habe nachgerechnet. Angenommen, der Rohschnitt kostet Sie fünf Stunden im Monat und Ihre Stunde ist 20 Euro wert. Das sind 100 Euro im Monat. Übernimmt der Assistent diese Stunden komplett, hat sich Studio nach gut drei Monaten bezahlt gemacht. Komplett wird er sie aber nicht übernehmen: Das Video von Codex müsste man bei Änderungen neu anlegen, bei Claude müsste man die verschachtelten Effektketten entwirren. Ich würde mit der Hälfte rechnen. Dann sind es rund sechs Monate.
Warum Blackmagic die KI nur in die Bezahlversion lässt
Mit Resolve 21.1 ist auch die erweiterte Python-Skriptunterstützung aus der Gratisversion in die Studio-Version gewandert. CineD, ein Portal für Kameratechnik, gibt die Begründung von Blackmagic so wieder: Über diese Skripte hätten Nutzer kostenpflichtige Funktionen in der Gratisversion freigeschaltet, und Blackmagic finanziere seine Entwickler mit dem Verkauf von Studio-Lizenzen. Das betrifft nur die Skripte. Eine Erklärung, warum der KI-Assistent nur in Studio verfügbar ist, habe ich bei Blackmagic nicht gefunden. Meine Vermutung: Die KI soll ein weiterer Grund sein, eine Studio-Lizenz zu kaufen.
Das Kalkül ist leicht zu durchschauen. Bisher hat man Studio wegen professioneller Funktionen gekauft, die in der Gratisversion fehlen. Jetzt bekommt man mit Studio gewissermaßen einen Schnittassistenten dazu, der den Rohschnitt erledigt, während Sie sich um andere Dinge kümmern. In der Gratisversion gibt es ihn nicht. Immerhin spielt Blackmagic mit offenen Karten: Der Preis für Studio steht gut sichtbar auf der Website, und Sie zahlen ihn nur einmal.
Wem das schon heute hilft
Ich würde dem Assistenten zuerst Aufgaben übertragen, bei denen niemand aufs Bild schauen muss: Clips unter einer Sekunde aus der Timeline entfernen, wie im Beispiel von Blackmagic, und mehrere Exporte auf einmal in die Render-Warteschlange stellen. Einen Zusammenschnitt der besten Momente aus einer langen Aufnahme würde ich ihm nur überlassen, wenn vorher ein Mensch die Marker gesetzt hat. Am meisten profitieren nach meiner Einschätzung alle, die Webinare und Livestreams in kurze Clips zerlegen.
Enttäuscht wird, wer von der Maschine Geschmack erwartet. Ohne Ihre Marker erkennt der Assistent nicht, welcher Take gelungen ist und welcher nicht. Was bleibt und warum, entscheidet weiterhin der Mensch.
Was Sie jetzt tun können
Zählen Sie Ihre Stunden. Gehen Sie den letzten Monat durch und notieren Sie, wie viel Zeit der Rohschnitt und das Aufräumen der Timeline gekostet haben. Farbkorrektur und Feinschnitt lassen Sie dabei außen vor. Multiplizieren Sie die Stunden mit Ihrem Stundensatz und halbieren Sie das Ergebnis. Teilen Sie den Preis für Studio durch diesen Betrag. Die Zahl zeigt, nach wie vielen Monaten sich Studio für Sie rechnet.
Wenn Sie sich für Studio entscheiden, installieren Sie es zusammen mit der App des Assistenten auf einem zweiten Rechner. Der Lizenzschlüssel reicht ja für zwei. Im Test von FIRENIKO funktionierte die Verbindung nur, solange Resolve und die App des Assistenten gleichzeitig geöffnet waren. Während der Assistent schneidet, hat er Resolve fest im Griff, und Sie selbst kommen nicht an das Programm heran. Nehmen Sie also besser nicht Ihren Arbeitslaptop, den brauchen Sie in der Zeit selbst. Welche Möglichkeiten es gibt, einen KI-Agenten rund um die Uhr laufen zu lassen, und was sie kosten, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben.
Das Wichtigste in Kürze
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Was ist passiert? | Seit dem 8. September können KI-Assistenten in DaVinci Resolve 21.1 direkt im Schnittprojekt arbeiten |
| Welche Assistenten? | Claude, Claude Code und Codex von OpenAI |
| In welcher Version? | Nur in DaVinci Resolve Studio, in der Gratisversion fehlt die KI-Schnittstelle |
| Was kostet das? | Einmalkauf ohne Abo: 295 US-Dollar, in Deutschland 305 Euro, eine Lizenz für zwei Rechner |
| Was sieht die KI? | Projektdaten wie Clips, Timecodes und Marker, aber kein Bild |
| Wer ist schneller? | Im Test von FIRENIKO Codex mit 10 bis 12 Min., Claude mit 1 Std. 20 Min.; dafür lässt sich Claudes Projekt weiterbearbeiten |
Wenn Sie nach Stunden abrechnen, verkaufen Sie zwei Dinge: Handarbeit und Entscheidungen. Beim Schnitt übernimmt jetzt das Programm einen Teil der Handarbeit, und früher oder später wissen das auch Ihre Kunden. Ihr Honorar werden Sie dann mit Ihren Entscheidungen begründen müssen.
Welchen Teil Ihrer Schnittarbeit würden Sie morgen an einen Assistenten abgeben, und welchen niemals?
Wie mein eigenes Business auf einem System aus KI-Agenten läuft, zeige ich auf ruslanagrey.de.