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KI-Agent oder Mensch: Wer bekommt die Aufgabe? Zählen Sie Ihre Korrekturrunden

Titelbild: KI-Agent oder Mensch – wer bekommt die Aufgabe?
Zählen Sie, wie oft Sie nachbessern

Per Spracheingabe 153 Wörter pro Minute, per Tastatur 52. Das haben 2016 Forschende der Stanford University gemessen, als sie das Tippen kurzer englischer Nachrichten auf dem Smartphone mit der Spracheingabe verglichen. Ich diktiere meinen KI-Agenten ihre Aufgaben. Und wer ausführlich diktiert, beantwortet eine scheinbar einfache Frage anders als jemand, der tippt: Welche Arbeit erledige ich selbst mit dem Agenten, und welche gebe ich an einen Menschen ab?

Dieser Artikel richtet sich an zwei Arten von Lesern. Die einen führen ein Unternehmen mit kleinem Team und ahnen, dass eine KI längst die Hälfte der Arbeit erledigen könnte, wissen aber nicht, welche Hälfte. Die anderen betreuen als Marketer Kundenprojekte und sitzen noch immer selbst an jedem Banner und jedem Report. Um das zu klären, brauchen beide nur eine Regel und die Aufgabenliste der kommenden Woche.

Mit „KI-Agent“ meine ich hier ein Programm, dem Sie eine Aufgabe in eigenen Worten beschreiben und das sie selbstständig zu Ende bringt: einen Text schreiben, Tabellen zusammenführen, eine Landingpage bauen.

Was eine Aufgabe wirklich kostet

Früher hat man die Kosten einer Aufgabe in Arbeitsstunden gemessen. Bei einem Agenten spielen Stunden kaum noch eine Rolle: Der Agent selbst ist günstig und erledigt die eigentliche Arbeit. Welche Wege es gibt, einen KI-Agenten rund um die Uhr arbeiten zu lassen, und was sie im Monat kosten, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben. Bezahlt wird aber noch mit etwas anderem. Jedes Mal, wenn Sie das Ergebnis öffnen, lesen und sagen, was geändert werden soll, bezahlen Sie mit Ihrer eigenen Zeit.

Das ist wie bei einer Badsanierung. Der Fliesenleger arbeitet vielleicht einen Monat an Ihrem Bad. Das ist seine Arbeitszeit. Ihre Zeit hängt davon ab, wie oft Sie vorbeikommen und sagen müssen: „Die Fliese hier sitzt schief.“ Müssen Sie zweimal hin, merken Sie von der Baustelle kaum etwas. Müssen Sie zwanzigmal hin, frisst sie Ihren ganzen Monat auf, egal, wie schnell der Fliesenleger arbeitet.

Daraus ergibt sich eine Einheit, mit der sich jede Aufgabe messen lässt: die Korrekturrunde. Als Korrekturrunde zähle ich jedes „Bitte ändern“, genau wie jeden Besuch auf der Baustelle.

Die Zehn-Runden-Regel

Eine Aufgabe, die mit bis zu zehn Korrekturrunden auskommt, bleibt bei Ihnen und Ihrem Agenten. Dazu gehören etwa Newsletter, Social-Media-Posts, Preislisten, Wettbewerbsanalysen und Kundenreports. Eine Aufgabe mit voraussichtlich mehr als zehn Runden geht an einen Menschen. Dazu gehören etwa der Aufbau eines Onlineshops, eine mehrstufige E-Mail-Strecke und alles, was sich über Wochen hinzieht und von anderen Aufgaben abhängt.

Die Zehn ist bewusst großzügig angesetzt. Bei einer Aufgabe, die Sie noch nie einem Agenten übertragen haben, schätzen Sie die Zahl der Runden anhand Ihrer Erfahrung mit menschlichen Auftragnehmern: So oft, wie Sie solche Arbeit der Grafikerin oder dem Texter zur Überarbeitung zurückgeschickt haben, schicken Sie sie auch dem Agenten zurück. Auf eine Runde genau muss das nicht stimmen. Es geht darum, kurze von langen Aufgaben zu trennen.

Zählen Sie, wie oft Sie das Ergebnis selbst öffnen und Korrekturen verlangen. Wie viele Stunden jemand anderes daran arbeitet, gehört nicht mehr in diese Rechnung

Für Marketer, die Kunden betreuen, gilt dieselbe Grenze. Posts und Reports für einen Kunden kommen mit wenigen Runden aus. Eine Quartalsstrategie mit Marktrecherche lässt sich nie in zehn Runden erledigen, und den aufwendigen Teil davon geben Sie besser an einen Dienstleister ab.

Warum Arbeit nicht mehr nach Fähigkeiten verteilt wird

Lange wurde Arbeit nach Fachkompetenz verteilt: Texte an den Texter, Tabellen an die Buchhaltung, die Website an die Agentur. Wer ein Unternehmen führte, erstellte eine Liste der benötigten Fähigkeiten und stellte für jede jemanden ein.

Heute deckt ein Agent einen Großteil dieser Liste ab. Ob Sie selbst gestalten oder layouten können, entscheidet nicht mehr darüber, ob Sie eine Aufgabe selbst erledigen oder abgeben. Trotzdem geben Menschen eine Aufgabe seltener komplett ab, als man denkt. Anthropic hat in seinem Economic-Index-Bericht vom Januar 2026 Gespräche auf Claude.ai ausgewertet: Im November 2025 wurde die jeweilige Aufgabe in 32 Prozent der Gespräche mit einer einzigen Anweisung komplett delegiert, im August 2025 waren es noch 39 Prozent. In 52 Prozent der Gespräche arbeiteten Menschen dagegen mit Claude zusammen: Sie korrigierten Ergebnisse und fragten nach. Die Korrekturrunden sind also nicht verschwunden, und was Sie abgeben, entscheiden weiterhin Sie.

Wer die langen Aufgaben bekommt

Lange Aufgaben geben Sie am besten an einen Dienstleister ab, der selbst mit Agenten arbeitet. Die zwanzig oder fünfzig Korrekturrunden, die eine solche Aufgabe braucht, durchläuft er mit seinen eigenen Agenten und kommt erst zu Ihnen, wenn es eine vorzeigbare Fassung gibt. Für Sie bleiben statt fünfzig nur noch ein paar Runden übrig.

Ein Dienstleister, der alles von Hand erledigt, verliert nach diesem Maßstab doppelt. Er ist langsamer, und jede seiner Überarbeitungen kostet Sie wieder eine Runde. Im Vorgespräch würde ich deshalb vor allem zwei Fragen stellen: Wie briefen Sie Ihre Agenten, und wie viele Fassungen zeigen Sie Ihren Kunden?

Warum Microsoft jeden Mitarbeiter zum Chef von Agenten machen will

Für die Rolle des Auftraggebers, der mit Agenten arbeitet, hat Microsoft im Work Trend Index 2025 einen Namen gefunden: „Agent Boss“, also jemand, der Agenten einrichtet, Aufgaben an sie delegiert und sie steuert. Laut der dazugehörigen Befragung erwarten 41 Prozent der Führungskräfte, dass ihre Teams in den nächsten fünf Jahren Agenten trainieren werden, und 36 Prozent, dass ihre Teams Agenten steuern werden. Außerdem schlägt der Konzern eine neue Kennzahl vor: das Verhältnis von Menschen zu Agenten im Team.

Microsoft verkauft seinen Assistenten Copilot an Unternehmen, und jeder Mitarbeiter, der zum Chef von Agenten wird, ist für Microsoft eine weitere Lizenz. Ich lese den Bericht deshalb als Werbung und nehme die Kennzahl trotzdem ernst. Microsoft schlägt ja selbst vor, Menschen und Agenten im Team getrennt zu zählen, und stellt damit dieselbe Frage wie dieser Artikel: Welche Arbeit geht an wen?

Warum Sie Aufgaben lieber diktieren sollten

Je ausführlicher die Anweisung, desto weniger Korrekturrunden. Ein ausführliches Briefing tippt kaum jemand ins Smartphone: Am Ende stehen dort nur drei Zeilen, und der Agent liefert etwas anderes als gewünscht. Diktiert ist dieselbe Anweisung in zwei Minuten fertig – samt Beispielen und Vorgaben.

In der Stanford-Studie von 2016 war die Spracheingabe kurzer englischer Nachrichten 2,93-mal so schnell wie das Tippen auf der Smartphone-Tastatur. Eine solche Messung für deutsche Texte und für lange Anweisungen ist mir nicht bekannt. Am Prinzip ändert das nichts: Zwei Minuten lang zu sprechen, fällt leicht; dieselbe Menge Text ins Smartphone zu tippen, das tun sich die wenigsten an. Diktieren Sie deshalb alles, was sich diktieren lässt. Und hören Sie auf, Routinearbeit von Hand zu erledigen: Die kann die KI übernehmen.

Was Sie jetzt tun können

Wenn Sie ein Unternehmen führen, schreiben Sie die Aufgaben Ihres Teams für die kommende Woche auf und notieren Sie neben jeder, wie oft Sie voraussichtlich selbst Korrekturen verlangen müssen. Danach teilen Sie die Liste in zwei Spalten auf: kurze und lange Aufgaben. So sehen Sie, welche Arbeit Sie mit einem Agenten selbst übernehmen können, statt auf einen neuen Mitarbeiter zu warten.

Wenn Sie Kundenprojekte betreuen: Nehmen Sie sich einen Kunden vor und teilen Sie seine Aufgaben für den kommenden Monat genauso auf. Die kurzen Aufgaben diktieren Sie Ihrem Agenten noch am selben Tag per Smartphone. Die langen zerlegen Sie: Briefing und Abnahme übernehmen Sie selbst; die eigentliche Umsetzung dazwischen erledigt ein Dienstleister, der mit Agenten arbeitet.

Für beide gilt: Diktieren Sie jede neue Aufgabe zuerst ausführlich, so wie Sie sie einer neuen Mitarbeiterin erklären würden. Dann brauchen Sie weniger Korrekturrunden, und manche Aufgaben wandern aus der Spalte „lang“ in die Spalte „kurz“.

Das Wichtigste in Kürze

Frage Antwort
Wonach teile ich Aufgaben auf? Nach Korrekturrunden: wie oft Sie das Ergebnis selbst ansehen und Änderungen verlangen
Wo liegt die Grenze? Bei bis zu zehn Runden bleibt die Aufgabe bei Ihnen und Ihrem Agenten, bei mehr Runden geht sie an einen Menschen
Wer bekommt lange Aufgaben? Ein Dienstleister, der selbst mit Agenten arbeitet
Wie gebe ich dem Agenten Anweisungen? Per Spracheingabe: ausführlicher und schneller als getippt
Wie oft wird eine Aufgabe auf Claude.ai komplett abgegeben? Im November 2025 in 32 Prozent der Gespräche; in 52 Prozent wurde korrigiert und nachgefragt

Kurze Antworten

Wie erkenne ich, welche Aufgabe ich einem KI-Agenten übertrage und welche ich einem Menschen überlasse? Schätzen Sie, wie oft Sie voraussichtlich selbst Korrekturen verlangen müssen. Bei bis zu zehn Runden erledigen Sie die Aufgabe mit dem Agenten, bei mehr geben Sie sie an einen Dienstleister ab, der mit Agenten arbeitet.

Warum kann ich Aufgaben nicht mehr wie früher nach Fähigkeiten verteilen? Ein Agent deckt heute einen Großteil der Fähigkeiten ab, für die man früher eigens jemanden eingestellt hat. Knapp bleibt nur Ihre Aufmerksamkeit.

Warum sollte ich Aufgaben diktieren? Diktierte Anweisungen fallen ausführlicher aus. Und je ausführlicher die Anweisung, desto seltener müssen Sie nachbessern.

Wen beauftrage ich mit langen Aufgaben? Einen Dienstleister, der seine Agenten selbst brieft und Ihnen gleich eine brauchbare Fassung vorlegt.

Wofür Sie Dienstleister künftig bezahlen

Dienstleister werden ihre Preise bald anders kalkulieren. Bezahlt werden sie dann dafür, wie viele Korrekturrunden sie Ihnen abnehmen, und die höchsten Preise erzielt, wer Ihnen kaum noch etwas zum Korrigieren übrig lässt.

Welche Aufgabe in Ihrer Woche schaffen Sie garantiert nicht in zehn Runden – und wem geben Sie sie ab?

Wie mein eigenes Unternehmen mit einem System aus KI-Agenten läuft, zeige ich auf ruslanagrey.de.

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